Mein aktuelles Lieblingsprojekt. Politischer Buddy-Science-Fiction-Crossover-Roman, der jeden zum Schmunzeln bringen sollte, der noch ein paar Lachmuskeln in den Backen hat. Viel Spaß beim Lesen.

Prolog

Sie wollen wissen, wieso unser Mr Ex-Präsident und neuerlich Präsidentschaftskandidat, anerkanntermaßen einer der mächtigsten Männer der Welt, sich am letzten Wochenende, sagen wir mal vorsichtig, ein wenig danebenbenommen hat und seitdem nicht mehr gesehen wurde, weshalb die ganze Welt im Moment aus dem Häuschen ist.

Okay, dann sind sie an der richtigen Adresse, allerdings gebe ich vorab zu Protokoll: Es hört sich vielleicht ein klein wenig phantastisch an, was ich zu erzählen habe, aber das ändert nichts daran, dass es der Wahrheit entspricht.

Und übrigens, Dan ist derjenige, dem wir das alles zu verdanken haben. Man sollte ihm ein Denkmal setzen, ein hübsches, steinernes Ehrenmal, an dem die Menschheit ihm Blumen auf den Sockel legt, – oder alternativ dazu die neueste Ausgabe des Hustlers, denn darauf stand Dan. Beide Dans sozusagen, aber dazu später.

Natürlich habe ich meinen eigenen Blickwinkel auf die Ereignisse, wie sollte es anders sein.

Die Sache ist schließlich die, Dan und ich sind Freunde und deshalb fällt es mir schwer, mich zu dieser ganzen Geschichte zu äußern. Ich meine, ich bin befangen und wer befangen ist, neigt ja dazu, alles durch eine gewisse Brille zu sehen. Nicht zwingend rosarot, aber irgendwie eingefärbt und hundertprozentig daneben. Aber abgesehen von irgendwelchen Eingeständnissen meiner Voreingenommenheit ist das, was ich zu erzählen habe, natürlich absolut so passiert und nicht eine Fake-News, wie es in den letzten Jahren immer so schön heißt. Warum überhaupt Fake-News? Das klingt so, als ob irgendjemand die Wahrheit wüsste oder das Privileg auf Wahrheit besäße oder Wahrheit aus Metall gegossen wird und für alle Zeiten seine Form behält.

Blödsinn, wenn Sie mich fragen.

Aber wenn es dennoch etwas wie Wahrheit gibt, dann ist diese Geschichte natürlich verdammt nah dran, sozusagen auf Hautkontakt mit der Wahrheit, direkt am Saum der harten Fakten, wahrer als irgendetwas, das ihnen die CIA oder ihr Steuerberater oder der Mann auf der Kanzel, dem es obliegt göttliche Fake-News zu verbreiten, mitteilen wird.

Zurück zu Dan.

Ich kenne ihn seit unserer gemeinsamen Grundschulzeit in Rockville. Wir sind seit damals Freunde. Dan ist sozusagen mein persönliches Sozialprojekt. Ich kümmere mich um ihn, beschütze ihn vor der Welt, die nichts Besseres zu tun hat, als sich auf jeden zu stürzen, der eine gewisse Angriffsfläche bietet. Dan hat davon jede Menge, denn er ist dick, um es höflich zu formulieren. Schon als Kind haben seine Eltern, Susan und Richard Beckett es ein wenig zu gut gemeint, was die Zufuhr an fett- und kohlenhydrathaltiger Ernährung betrifft. Das hat dazu geführt, dass er sehr schnell zum Lieblingsopfer seiner Mitschüler avancierte. 

Und hier trete ich dann auf den Plan: Felix Tanner, Dans persönlicher Beschützer, Freund und Streitgenosse in epischen Schulhofprügelleien gegen Bruce Birdman und Steven Right. Steven arbeitet übrigens mittlerweile als Cop, während Bruce, diese hinterhältige Kanaille, Sackratte von einem Mann, Psychiater geworden ist und seit einigen Wochen meine Freundin Sandra vögelt. Diese Info ist von Belang, weil das ja dazu geführt hat, dass Dan und ich nach Acapulco gefahren sind, um die Sau rauszulassen und auf andere Gedanken zu kommen. In erster Linie ging es dabei um mich. Ich war völlig aus dem Häuschen und wusste damals ja noch nicht, dass dieser Zustand in den kommenden Wochen zur Normalität werden würde.

Angefangen hat es vor ziemlich genau drei Wochen. Morgens bin ich aufgestanden, während Sandra neben mir im Bett liegend diese leisen Schnaufgeräusche gemacht hat, die eine unglaublich beruhigende Wirkung auf mich ausüben. Sie pennt immer länger als ich.

Und damit wären wir eigentlich schon ziemlich am Anfang der Geschichte. Sorry, wenn ich mich beeile und die Vorstadtidylle unserer Kindheit überspringe, aber wer weiß schon, wieviel Zeit uns noch bleibt. Was meine momentane Lage betrifft, fühlt es sich an, als säße ich auf einer Atombombe, die mit einem Zeitzünder verbunden ist, der erbarmungslos tickt.

Keine Zeit für Abschweifungen oder epische Auswüchse. Kommen wir gleich zum Punkt:

Kapitel 1

Ich habe keine Ahnung, warum gerade Dan und ich uns angefreundet haben. Vielleicht liegt es daran, dass wir in gewisser Weise Außenseiter sind. Ich neige zu der Annahme, dass es irgendwelche hormonellen Signaturen gibt, die Menschen gleicher Gesinnung einander finden lassen. Anders gesagt, wir waren beide Looser, von Anfang an, und das schweißt zusammen. Dan hat, sobald er auf den Schulhof gegangen ist, von Steven und Bruce, die Fresse poliert bekommen, und ich war ohnehin der Totalausfall der ganzen Jahrgangsstufe, nur weil ich schon immer einen Faible für Science-Fiction und Raumschiffe und Außerirdische und alles, was dazugehört hatte. Mit 12 bin ich eine Woche mit spitzen Vulkanier-Ohren in die Schule gegangen. Ja, genau solche, die auch Spok in Startrek trägt. Sie sahen echt richtig gut aus und ich habe mich plötzlich ganz anders gefühlt, bis Bruce Birdman in der Pause gemeint hat, warum ich Schamlippen an den Ohren hätte. Es ist dann ein bisschen ausgeartet und ich weiß noch, dass es mir gelungen ist, Bruce eines der Plastikohren schlucken zu lassen, bevor die Pausenaufsicht, Ms Makowski mich aufgehalten hat.

Seitdem war ich Birdmans Intimfeind und somit auf der gleichen Liste wie Dan. Druck von außen verbindet.  Der Feind meines Feindes ist mein Freund und so weiter und so weiter. Sie wissen ja.

Okay, ich mache mal einen Schnitt und überspringe unsere mehr oder weniger glückliche Outsider-Jugend vor der Playstation und komme gleich zu dem, was sich vor drei Wochen zugetragen hat.

Wie bereits angedeutet, ging ich morgens aus dem Haus und dachte, mein Leben wäre halbwegs in Ordnung.

Sie meinen, halbwegs klingt nicht gut?

Aber mal ehrlich, wer kann schon von sich behaupten, er hätte mehr als ein Halbwegs auf der Habenseite? Halbwegs ist eigentlich schon das Optimum, halbwegs ist ein Qualitätssiegel für Sorglosigkeit. Ich hatte einen Job, eine hübsche Freundin, eine nette Wohnung, wenn auch nur angemietet und ein wenig überteuert, einen Ford F150 vor der Haustür. Drei Blocks weiter lag meine Stammkneipe, einmal in der Woche bin ich mit Dan und Zack Dayman zum Bowlen gegangen und ab und an haben wir uns ein Spiel der Redskins angesehen, wobei immer ordentlich gepichelt wurde, denn das gehört ja wohl zum Football wie der Truthahn zum Thanksgiving.

Also, alles war in Ordnung, halbwegs eben, und dann geht man morgens aus dem Haus, denkt sich nichts Böses und plötzlich bricht die Welt in sich zusammen, als sei sie aus Spielkarten gemacht.

Ich arbeitete bei Red-S und ja, das ist diese Pornoseite, die sich auf Amateurproduktionen spezialisiert hat. Jeder spezialisiert sich ja heutzutage. Man muss eine Nische finden und diese dann bedienen, sonst geht eine Firma in der Masse unter.

Auf jeden Fall kam ich in unser Büro, wunderte mich, dass niemand außer mir da war. Dann stand Bernie Crowe, mein Boss, plötzlich vor meinem Schreibtisch und sagte, ich könne wieder nachhause gehen, wir seien offline und daran würde sich aller Voraussicht auch nichts ändern.

„Wieso das denn?“, fragte ich und rümpfte die Nase, wie ich es immer tue, wenn ich etwas nicht fassen kann.

Crowe zuckte mit den Schultern und schüttelte sich wie ein nasser Hund. „Die Sache mit Jeff Benino ist durch. Er hat Recht bekommen und das heißt mit anderen Worten wir sind so pleite, wie man nur sein kann. Wenn in den nächsten Minuten der Strom weg ist, darfst du dich nicht wundern.“

Ich wunderte mich, wie ruhig Crowe blieb, während mir der Schreck in die Glieder fuhr und ich das Gefühl hatte, mein Herz würde stehen bleiben.

Die Benino-Geschichte ist folgende: Benino ist bekanntermaßen ein mittelmäßiger Komiker, der ab und an bei Saturday-Night aufgetreten ist und am Ende sogar seine eigene Sendung bekommen hat. Klar, kann man ihn auch lustig finden, aber mir persönlich redet er zu viel und kommt irgendwie arrogant rüber, so wie ein Pfau, der die ganze Zeit darauf wartet, seine Schwanzfedern zu zeigen, um damit Eindruck zu schinden. Egal, in jedem Fall war Benino mit einer Stripperin zusammen, einer gewissen Lynn Blowow und Blowow war kein Künstlername, aber dennoch Programm. Lynn und er haben sich ziemlich schnell getrennt, nachdem alles aufgeflogen ist. Beninos Frau war total angepisst, hat öffentlich behauptet, ihr Mann sei nur Opfer und alles läge in der Verantwortung dieser Stripperin. Blöderweise hat irgendein Whistleblower kurz darauf ein Video veröffentlicht, das Benino und sie beim Matrazensport zeigt. Ein kurzes Video, sehr kurz um genau zu sein und ich nehme mal an, das ist der Punkt, der Benino so richtig auf den Sender gegangen ist. Warum?

Na ja, die Kamera zeigt ihn und Blowow in einem Hotelzimmer. Benino tönt rum, ob er es ihr ordentlich besorgen sollte und als sie nickt und das tut, was ihr Name schon vermuten lässt, Sie wissen schon, fängt Benino an zu zucken und das war es. Keine 20 Sekunden dauert die Geschichte. Sie können es unter „der kürzeste Porno aller Zeiten“ googlen. Oder sie geben Benino und Superquickie ein, das geht auch. Benino selbst hätte vielleicht den Schwanz eingezogen und sich erst einmal verkrochen, aber er ist mit Ronald Dumper befreundet, unserem frisch gewählten Mr President, auf den wir noch ausgiebig zu sprechen kommen werden, und der hat ihm das Geld gegeben, um Red-S-Enterprices zu verklagen. Red-X gehört als Subunternehmen zu Red S, müssen Sie wissen. Und das war es dann.

Crowe stand da, ruhig wie ein Verurteilter, der alle Hoffnung hinter sich gelassen hat und erklärte mir, Benino habe Schadensersatz in Höhe von 155 Millionen Dollar zugesprochen bekommen, womit Red-S pleite wäre. Die Insolvenz wäre bereits durch. Ende der Fahnenstange und du kannst jetzt übrigens nachhause gehen.

155 Millionen Dollar für einen Schnellschuss! Unglaublich, was? Ich meine, wenn ich ähnlichen Schadensersatz von Sandra bekommen hätte, wäre mein Konto gut gefüllt gewesen, so aber sah das anders aus.

Ich habe Crowe erklärt, ich bräuchte erst einmal frische Luft und dann weiß ich nur noch, dass ich wieder in meinem Wagen saß. Ich fuhr eine Weile durch die Stadt, bis ich vor Will’s Tavern stand, meiner Stammkneipe. Das ist wie bei den Lachsen, die wieder an den Ort ihrer Schöpfung zurückkehren, um sich dort ebenfalls fortzupflanzen. Wenn ich frustriert bin, führt mich mein Orientierungssinn wie per Autopilot zu Will’s Tavern. Offiziell war der Laden noch zu, aber Will war tatsächlich da, öffnete mir und sah meinem Gesichtsausdruck an, dass es sich um einen Notfall handelte.

Er konnte ebenso wenig wie ich glauben, wie viel Geld Beninos schamlose Anwälte aus dieser 20-Sekunden-Nummer rausgeschlagen hatten.

„Abgesehen davon, dass er ein paar Milliönchen mehr auf dem Konto hat“, sagte Will mit spitzem Lächeln, „weiß trotzdem die ganze Welt, was er für ein Schnellspritzer ist.“

„Deshalb nennt man es ja auch Schadensersatz.“

Will schüttelte den Kopf. „Manche Dinge lassen sich nicht durch Geld kompensieren. Denkst du Benino wird irgendwann einmal noch entspannt mit einer Frau Sex haben, ohne dass ihm der Angstschweiß über die Stirn läuft, er könnte zu früh kommen?“

„Für 155 Millionen könnte mich jede Frau auf diesem Planeten, während wir Sex haben, auslachen, es wäre mir total egal.“

„Dachte, das wäre sowieso der Fall“, witzelte Will, wurde dann aber wieder ernst. „Im Übrigen, glaube ich dir das nicht. Die ewige Scham wäre dein Begleiter, du würdest nicht mehr auf die Straße gehen können, ohne dir Gedanken zu machen, wer dieses peinliche Video gesehen hat. Das Schlimmste ist ja noch, dass er sich nach dem Sex bei dieser Lynn Blowow entschuldigt hat, er stünde unter Stress, seine Einschaltquote sei mies und außerdem habe er schon eine Woche keinen Sex mehr gehabt. Was für ein Lutscher!“

Ich kannte das Video, hatte es mehr als einmal gesehen. Natürlich nur aus beruflichem Interesse. Wir hatten uns Beninos Schnellschuss in der Firma angeschaut, gegenseitig angegrinst und uns Mut zugesprochen, als die Sache öffentlich geworden war. Niemals würde er damit durchkommen. Red-S hatte ein Video veröffentlicht, das war alles. Wir taten dergleichen den ganzen Tag und wie viele der dort festgehaltenen Sauereien für die Darsteller peinlich war, ließ sich nicht einmal schätzen. Die Welt war eine riesige Show, in der sich ein Großteil der Menschheit zum Affen machte. Daran gab es meines Erachtens wenig auszusetzen, solange es nicht ich war, der mir selbst vom Bildschirm entgegengrinste.

„Dieser Lutscher“, antwortete ich Will, „hat so viel Geld, dass er sich für den Rest seines Lebens, keine Gedanken mehr machen muss, wohingegen ich ein arbeitsloser Looser bin, dessen berufliche Erfahrungen sich auf ein paar Jahre in dieser verdammten Pornoklitsche beschränken.“

Will versuchte mich zu trösten, indem er mir eine rosige Zukunft vor Augen führte. Ich hatte einen Abschluss in Informatik, wenn auch nur von einem mittelmäßig renommierten College, und würde bestimmt sofort wieder etwas finden.

„Alles halb so wild“, fügte er hinzu und schob mir noch ein Bier über die Theke. Dabei blieb es nicht. Am Nachmittag begann der Laden sich langsam zu füllen, während ich bereits voll war. Ich hatte Dan gesimst, wo ich war und dass es sich um einen Notfall handelte, mein Job sei weg. Er solle gefälligst zügig zu Will kommen.

Dan arbeitete an der Highschool, wo er als Hilfslehrer Computerkurse gab. Wir hatten ein paar Semester zusammen studiert und es hatte sich schnell gezeigt, wie wenig Talent Dan am Ende im Umgang mit Computern besaß. Er war wenig kreativ, hatte kaum Durchhaltevermögen, wenn es ums Programmieren ging und seine Programme waren so voller Fehler, dass das Debuggen länger dauerte als das Coden selbst. Sein Vater hatte ihm seinerzeit bereits eine Vertretungsstelle an der Beacon Hill High besorgt und dort ist Dan dann gestrandet, ohne dabei zufrieden zu sein.

Dan war jedoch so behäbig, dass er sich selbst in einem Leben einrichten konnte, welches ihm nicht vollständig behagte. Ich könnte auch sagen, er war Zweckoptimist und wusste, wie man das Beste aus seiner Situation macht. Das, was ich vorhin über die besondere Qualität eines Lebens, das halbwegs funktioniert, gesagt habe, trifft auch auf Dan zu. Er hatte sich in seinem improvisierten Dasein festgesessen und es sich dort gemütlich gemacht. Veränderungen unerwünscht, Katastrophen sowieso. So oder ähnlich hätten Dan und ich es uns auf T-Shirts drucken lassen können, haben wir aber nicht.

Okay, Dan war, wenn schon kein guter Programmierer, der zuverlässigste Freund, den man sich wünschen konnte, also kam er keine Dreiviertelstunde, nachdem ich ihm eine Nachricht geschrieben hatte, durch die Tür in Will’s Taverne und schenkte mir seine ungeteilte Aufmerksamkeit.

Ich heulte mich aus, trank noch ein paar Bier und prophezeite, ich werde niemals wieder einen Job finden.

Dan und Will bemühten sich unisono, mir Trost zu spenden und verwiesen mehrfach darauf, ich solle mich dankbar schätzen, eine Freundin wie Sandra zu haben, die auch in so einer Situation zu mir stehen werde, da gäbe es wohl keinen Zweifel.

Dan legte mir seine Hand fast zärtlich auf die Schulter und sah mich an, wie man sonst nur struppige Hunde im Tierheim anschaut, bevor man sich entscheidet, sie wider besseres Wissen bei sich Zuhause aufzunehmen.

Dennoch erzielten die Worte eine gewisse Wirkung. Vielleicht war es auch das siebte oder achte Bier. Bier in diesen Mengen hat eine ähnliche Wirkung wie Psychopharmaka. Leider lässt sich nicht immer sagen, welche Effekte der Alkohol genau entfacht. An diesem Tag war es ein fast übermenschliches Verlangen nach Sandra. Der Wunsch, sie in den Arm zu nehmen bzw. sie mich in den Arm nehmen und halten zu lassen, während ich ihr die Schulter vollheulte und das klägliche Ende meiner Karriere bei Red-X verkündete, war so groß, dass ich aufstand und beinahe auf den Boden vor der Theke geplumpst wäre, hätte Dan mich nicht gehalten.

„Ich muss suu Sandra“, verkündete ich und deutete mit dem Arm in Richtung Ausgang.

„Alles klar, Alter, ich fahre dich. Keine Angst, gleich bist du bei deiner Süßen und ich wette, Sandy fällt eine ganze Menge ein, um dich zu trösten.“

„Davon kannse ausgehen“, schrie ich so laut, dass die versammelten Verlierer in Will’s Taverne sich in unsere Richtung drehten und grinsten.

„Ihr wird eine ganse Menge einfallen, ganse Menge“, erklärte ich und weil der Alkohol bekannterweise die Zunge löst, hielt ich noch einen kleinen Monolog über Jeff Beninos sexuelle Leistungsfähigkeit und darüber, dass er wahrscheinlich der einzige Mann auf diesem Planeten war, der durch 20 Sekunden Stimulation  und vorzeitigen Orgasmus 155 Millionen Dollar verdient hatte.

Als nächstes saß ich in Dans Prius, der wie ein Raumschiff in Richtung meiner Wohnung glitt, während ich über Sandras Qualitäten im Trösten schwadronierte und Dan das Lenkrad umklammert hielt.

„Soll ich dich bis zur Tür bringen?“, wollte Dan wissen, als wir bei mir Zuhause angekommen waren. Ich schüttelte den Kopf, winkte ab und wuchtete mich mit letzter Kraft aus dem Beifahrersitz. Dan hatte auf der Straße geparkt und dieser Umstand führte wohl dazu, dass die Dinge sich anders abspielten, als sie es getan hätten, wenn ich mit meinem F150 in die Einfahrt gefahren wäre. 

So ein Hybrid-Fahrzeug ist wirklich verdammt leise. Es gibt keine wütenden Motorengeräusche, die verkünden, wer sich gerade nähert. Mein Ford hat einen Sound, der das Testosteron in Wallung bringt und die Härchen auf den Unterarmen aufstellt, Dans Prius hingegen summt leise, wie von Geisterhand angetrieben, dahin. Ich stieg die Treppe zur Veranda hinauf, bemüht vorsichtig, denn was hätte es für einen Eindruck gemacht, wenn ich sturzbetrunken zur Tür hineinstolperte. Wie war das überhaupt mit meiner Krankenversicherung? War ich noch ausreichend versichert, falls mir etwas geschah? Ich schob den Gedanken zur Seite. Es ging jetzt nicht um die Notaufnahme im Krankenhaus, sondern um Sandra, die mich trösten würde.

Wie immer, wenn Alkohol die höheren Gehirnfunktionen betäubt, spürte ich eine gewisse Erregtheit in mir aufsteigen. Was gab es Besseres, als seinen Frust mit einer erotischen Kissenschlacht zu bekämpfen und die Dinge wieder in die richtige Zusammenhängen zu rücken? Ich hatte einen Job verloren, der mich halbwegs – wieder einmal halbwegs – erfüllt hatte, aber ich war weder querschnittsgelähmt noch von einer tödlichen Krankheit heimgesucht worden. Im Gegenteil, meine Körperfunktionen, abgesehen von der Koordination, funktionierten immer noch hervorragend, ich war nicht einmal 35 und alles würde wieder in Ordnung kommen.

Die Haustür schwang auf, ich schritt leise herein, sah mich um und wunderte mich, Sandra nicht im Wohnzimmer oder der Küche vorzufinden. Zumeist saß sie am Nachmittag mit einer Tasse Kaffee an der Kücheninsel oder mit einer ihrer geistig zurückgebliebenen Freundinnen endlose Telefonate zu führen, in denen es um Urlaubspläne, Schminktipps oder dämliche Fernsehsendungen wie Americans Next Top Modell ging.

Ich betrachtete die Uhr in der Küche. Es war halb fünf. Entweder sie war noch länger im Friseursalon geblieben und hatte eine Extraschicht übernommen oder sie war beim Einkaufen.

Enttäuschung machte sich in mir breit. Der Alkohol hatte mit einem Mal all seine aufputschende Wirkung verloren, meine Libido verwandelte sich in einen Luftballon, aus dem sämtliche Gase herauszischten, bis nur noch eine leere Hülle zurückblieb. Plötzlich fühlte ich mich wie ein arbeitsloser Verlierer, dessen Zukunft darin bestehen würde, Bewerbungen zu schreiben und zu Vorstellungsgesprächen zu gehen, die die Qualität eines Sklavenmarktes hatten. Ich würde mich anbiedern müssen, Leistungsfähigkeit und Motivation heucheln, künstlich lächeln und betonen, wie gerne ich doch jeden Morgen um acht Uhr in ein stickiges Büro marschierte, um meine Lebenszeit vor einem PC zu verschwenden und anderen Arbeitssklaven dabei zuzusehen, wie sie ebenfalls dahinvegetierten.

Der Frustration folgte Müdigkeit. Kurz zog ich in Erwägung, mir ein Bier aus dem Kühlschrank zu holen und mich aufs Sofa zu legen, dann aber entschied ich, es sei besser, gleich ins Bett zu gehen und eine Stunde zu schlafen, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Also stieg ich ins erste Stockwerk, schlurfte über den Flurteppich und öffnete die Schlafzimmertüre.

Im ersten Moment dachte ich tatsächlich, ich hätte einen Tagtraum gehabt. Ich war immer noch bei Red-X, saß an meinem Arbeitsplatz und betrachtete mit professionellem Interesse den Porno eines privaten Anbieters. Gleich würde ich aus meinem Sekundenschlaf aufschrecken, weil Bernie Crowe hinter mir stand und sich räusperte wie ein afrikanischer Wasserbüffel. Benino-Geschichte, Pleite, Arbeitslosigkeit, all das waren nur flackernde Gedanken, die mein überreiztes Gehirn ausgebrütet hatte. Wundersam, was der menschliche Verstand an Verwirrtheiten produzierte, um den Irrsinn der Welt zu verdauen. Und jetzt das! Sandra, die sich nackt auf dem Bett kniete, in Richtung Nachttisch blickend, auf dem das Bild stand, das uns im letzten Florida Urlaub am Strand zeigte. Hinter ihr aber hockte – und ich benötigte eine weitere Sekunde, um ihn zu erkennen, denn irgendwie hatte ich ihn in einer derart menschlich Intimen Pose noch nie gesehen – Bruce Birdman und pumpte wie eine altertümliche Dampfmaschine.

Ich weiß nicht genau, wie es meinem Verstand gelang, aus meiner Starre herauszufinden. Mir ist nur noch in Erinnerung, dass ich absurderweise darüber nachdachte, in welche Kategorie erotischer Filme diese Sequenz einzuordnen sein, dann drehte sich Bruce in meine Richtung und es kam ziemlich viel Bewegung in die Szene. Birdman, der aus dem Bett springt, Sandra, die kreischt, die Bettdecke hochreißt, als müsse sie sich vor mir bedecken, der ich sie doch schon unzählige Male in ihrem naturbelassenen Zustand gesehen hatte.

Ich schüttelte mich, öffnete den Mund, wollte einen Kommentar abgeben, eine Frage stellen (oder Crowe bitten, mich mal in den Arm zu kneifen, denn das hier konnte doch einfach nicht wahr sein) aber es gelang mir nicht. Die Worte fanden nicht den Weg in die Welt. Bruce stand plötzlich vor mir, wedelte mit den Armen und betonte, es sei nicht so, wie es aussehe, das wäre alles nur eine einmalige Kiste (Was natürlich eine Lüge war, wie ich später herausfand).

Mein Sprachzentrum mochte für den Moment gelähmt sein, meine Arme waren es nicht. Der erste Schlag wischte an Bruce‘ Wange vorbei, der zweite aber traf ihn zumindest am Ohr. Sandra verstärkte ihr Geschrei und erinnerte dabei an eine Sirene.

Ihrem Kreischen konnte ich entnehmen, dass ich ihrer Ansicht nach den Verstand verloren hätte, ein Arschloch sei und es ohnehin vorbei wäre.

Als Bruce zurückschlug – überraschend fest – war ich in Gedanken dabei, über all das Chaos hinweg die Bedeutungen des Wortes „vorbei“ zu erörtern. Mein Job war vorbei, meine Beziehung war vorbei. Vorbei konnte jedoch auch nur das Ende einer Phase beschreiben, worauf sich ein neuer Abschnitt auftat, der bisweilen besser war als das, was man hinter sich ließ. In jedem Augenblick ging etwas vorbei und Neues begann. So war das doch mit dem Leben.

Vorbei! Ein paar Schläge steckte ich weg, dann traf mich eine Gerade und ich ging zu Boden. Über mir schwang etwas wie ein Pendel, ein längliches Objekt, das zu Bruce Birdman gehörte und das ich beim besten Willen nicht sehen wollte. Die Schatten, welche sich von allen Seiten auf mich legten, waren fast eine Erleichterung.

Ja, ich weiß, ich rede viel von mir, aber ein wenig muss ich ja wohl ausholen dürfen. Das hier ist das Intro und sie werden nur verstehen können, was im Nachfolgenden passiert ist, wenn Sie dieses Intro zur Kenntnis nehmen. Sind Sie irgendwann einmal verspätet ins Kino gegangen und haben die ersten paar Minuten eines Films verpasst?

Es ist fast unmöglich in die Story hineinzufinden, wenn das Präludium nicht stimmt. Präludium hat mein alter Herr immer gesagt, wenn sich eine mittelgroße Katastrophe andeutete. Alles war immer Präludium für Katastrophen für meinen Vater, der jeden Moment damit gerechnet hat, dass die Apokalypse über uns hereinbricht. In jedem Fall ist ein solches Vorspiel wichtig, insbesondere wenn es das Ereignis verlangt.

Diese Geschichte ist mehr als halbwegs mittelgroß, also braucht man auch einen angemessenen Prolog, der einen erahnen lässt, wie ich mich zu diesem Zeitpunkt gefühlt habe und wieso alles so aus den Fugen geraten konnte.

Okay, wir waren beim Birdman-Desaster. Ich hatte die nächste Niederlage an diesem Tag eingesteckt, ohne wirklich zu begreifen, ob das, was ich da erlebt hatte, den Tatsachen entsprach oder nicht, womit wir wieder beim Begriff Fake-News wären. Als ich mit einem Schädelrasseln erwachte, das sich von außen durch meine Schläfen direkt in mein Stammhirn brannte, hatte ich Probleme meinen Standpunkt, also physisch betrachtet, zu bestimmen. Mir war, als hämmere ein kleiner Mann mit gezielten Schlägen gegen die Bereiche meines Kopfes, welche am schmerzempfindlichsten waren. Außerdem schmerzten meine Rippen bei jedem Atemzug.

Ich öffnete die Augen, sah das warme Licht der Abendsonne zwischen den Blättern eines Baumes schimmern und wunderte mich, wie ich hierhergekommen war.

„Vorbei“, flüsterte ich und dachte über das nach, was ich vor unbestimmter Zeit in meinem eigenen Schlafzimmer gesehen hatte. Es fühlte sich unwirklich an, wie eine Fake-News. Mein Verstand hatte etwas ausgebrütet, das nicht den Tatsachen entsprach. Ich spaße nicht, wenn ich sage, ich zog es immer noch in Erwägung in eine Art Traum zu stecken, wie ich ihn bis dahin nicht erlebt hatte.

Warum sollte es nicht eine Form von Realitätsverlust geben, wie ich ihn bis dahin nicht gekannt hatte? Vielleicht waren die Dinge ja anders, als ich sie zu sehen glaubte.

Ich richtete mich auf, sah mich um und erwartete in einer Art Phantasielandschaft zu erwachen, in der Fabelwesen um mich herumtollten oder ein Typ mit Engelsflügeln mir einen Vortrag über mein bisheriges Dasein hielt und ein paar grundlegende Informationen über Integrationsmaßnahmen im Jenseits gab.

Das alles geschah nicht. Ich lag auf dem Rasen vor meinem Haus, unweit der Straße. Ken, der Nachbarsjunge, stand mit seinem Fahrrad vor mir und sah mich stumm an.

„Was ist denn mit dir?“, wollte der Junge wissen.

„Keine Ahnung“, antwortete ich kopfschüttelnd. „Bin wohl eingeschlafen“, fügte ich hinzu, weil es mir ein Anliegen war, einen Sechsjährigen nicht unnötig zu befremden.

„Warum schläfst du denn auf dem Rasen?“, wollte der Junge nun wissen.

„Das ist total erholsam. Fast wie Camping. Du liegst einfach da und schaust dir die Bäume an und freust dich“, antwortete ich und nickte, was den Schmerz in meiner Brustgegend zurückkehren ließ.

„Tut dir was weh?“

„Nein, alles okay, muss nur erst einmal wieder wach werden“, erklärte ich und blickte zur Haustür. Dort lagen Kleidungsstücke und zwei Koffer verstreut. Auch wenn das Haus unversehrt war, musste ich beim Anblick der überall verstreuten Habseligkeiten an die alljährlichen Fernsehberichte aus dem Tornado Alley denken.

„Was zum Teufel…“

„Das hat deine Freundin vorhin rausgeworfen und gemeint, du sollst dich verpissen“, sagte Ken.

„Was?“

„Das sind deine Sachen.“

„Sie hat meine Sachen aus dem Haus geworfen?“

Ken nickte. „Erst hat der Mann dich hierhergezogen und dann hat deine Freundin die Sachen rausgeworfen. Und als der Mann dich über die Wiese gezogen hat, schliefst du auch schon. Ich glaube, du hast mich angelogen.“

Ich schnaufte, rieb mir über die Stirn und hoffte, Ken würde sein Fahrrad nehmen und auf der Stelle verschwinden. Mir stand nicht der Sinn danach, mit einem Kind darüber zu diskutieren, wie ich aus meinem eigenen Haus entsorgt worden war.

In diesem Moment rief ihn zum Glück seine Mutter. Ihre Stimme war grell, fordernd, ganz so, als befände sich ihr kleiner Liebling in großer Gefahr.

„Ken, komm sofort hierher. Lass Mr Tanner in Ruhe. Du kommst jetzt sofort rein!”

Ken stieg auf seinen Sattel, ohne ein weiteres Wort zu sagen, und fuhr davon. Ich winkte seiner Mutter zu, worauf sie nur knapp den Arm hob und dann ihren Ken in Empfang nahm. Das Fahrrad blieb vor der Treppe zurück, fluchtartig zog sie ihre kleine Nervensäge von Sohn ins Innere.

Die Sachlage war klar. Ich war stigmatisiert, ein Ausgestoßener, der in Verbannung zu gehen hatte. Probleme andere betrachtete man am besten aus sicherer Distanz. Ich war mir sicher, Kens Mutter, Ms Gordon, würde hinter den Vorhängen lauern, bis ich den Rasen vor meinem Haus endlich geräumt hatte. Das gleiche galt unter Umständen für Sandra, die irgendwo hinter der blauen Fassade unseres gemeinsamen Heims mit Bruce Birdman leise tuschelte und sich trösten ließ, weil ich ein so unfassbar brutaler Mensch war und außerdem außerplanmäßig nachhause kam.

Wieso bitte schön war ich in dieser Geschichte der Böse? Mühsam rappelte ich mich auf, dachte darüber nach, ob ich meine Sachen zusammensuchen sollte oder stattdessen die Haustür eintreten. T-Shirts und Unterhosen in den Koffer zu räumen, war herabwürdigend und eine zweite Auseinandersetzung mit Bruce Birdman und Sandra zu riskieren, versprach in meinem momentanen Zustand auch kaum Erfolg.

Also griff ich an meine Hosentasche und spürte zu meiner Erleichterung die sanfte Glätte meines Handys.  Reflexhaft fuhren meine Finger über das Display und ich rief den einzigen Menschen an, der mir in dieser Situation wirklich zur Seite stehen würde: meinen Freund Dan.